Apparitionen IV

Die Nummer IV des Zyklus Apparitionen (Erscheinungen) erweitert den Aspekt des Solistischen, welcher alle Teile dieses Zyklus durchzieht, um ein wesentliches Element, nämlich: die Sprache.

Diese, dargestellt durch einen quasi imaginären Sprecher vom Band, findet in ihrer entpersonifizierten Verwendung ihre Entsprechung zur märchenhaften Handlung des Textes. In der Vorlage (Jurij Brezan, “Die Schwarze Mühle”, Berlin 1968) geht es um die großen Dinge des Lebens. Es geht um Sinn und Wahrheitssuche, artikuliert im Drang nach Wissen, im Widerstand, im Kampf.

Der Gefahr einer Verklausulierung durch die märchenhafte Form, begegnet Brezans Text (welcher von mir auf ein ca. zwei Seiten umfassendes “Libretto” reduziert wurde) mit einer, in fabulöser Art versteckten, tief- und hintersinnigen Direktheit und Schärfe. Die Nähe von Brezans Text zur existentiellen Basis, seine Volkstümlichkeit im besten Sinne und seine gedankliche Großzügigkeit, ließen mir für meine Interpretationen genügend Freiräume.


Der szenische Aspekt der “Handlung” wird ausschließlich durch den Oboisten und durch die jeweilige Inszenierung in Raum, Bühne und Licht getragen, während das äußerst diffizile 4-Kanal-Zuspielband gerade die räumliche Perspektive erweitert. Die auf dem Tonband verwendeten Klänge sind teils konkreter (Sprache, Oboen- und Umweltklänge) und teils synthetischer Herkunft. Mit der Bezeichnung “Hörbilder” soll die Gattung nicht festgelegt werden, sondern lediglich grob umrissen sein; es sei aber darauf hingewiesen, daß das Stück Züge eines Hörspiels ebenso in sich trägt wie Aspekte einer theatralischen Konzertmusik.



Kurze Inhaltsangabe, bzw. ein persönlicher Interpretationsansatz:
Einer namens Krabat (den - vielleicht aber auch das - man eben so nennt, und der von irgendwo kommt und irgendwohin geht, und der auch nicht mehr glaubt, daß “[der Himmel] ein riesiges schwarzes Loch [ist], darin die Sterne schwimmen”), dieser Krabat also ist auf der Suche nach den sieben Büchern des Wissens, welche, vom schwarzen Müller bewacht, er öffnen will. “Es ist nicht die Sonne, die ihn (Krabat) blendet. Es sind die Geheimnisse, die Rätsel, die Fragen.”

Krabat verdingt sich beim Müller (den - vielleicht aber auch das - man eben so nennt) wofür einer der zwölf Müllerburschen sterben muß, da der Müller - unumstößlich in seinen Grundsätzen: “Zwölf ist mein Prinzip”- nicht mehr als zwölf Burschen in seiner Mühle duldet.

Des sterbenden Müllerburschen Haß und Hoffnung wird durch Anna Achmatowas Gedicht Kreuzigung (Anna Achmatowa, “Im Spiegelland”, München 1982; Übers. L. Müller) auf einen anderen Aspekt des Schmerzes gelenkt.

“Des (grausamen) Müllers Macht ist größer denn je.”
“Der Müller sagt: Wer weiß, der kann.”
“Krabat sagt: Wer weiß, der kann.”
“Krabat denkt: Wer weiß, der kann auch den Müller überwinden”.


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erstellt am 08.03.2008  |